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100 Jahre Bjørn Wiinblad

Die Geschichte eines Tausendkünstlers

Er war einer der fleißigsten Künstler Dänemarks. Er reiste rund um die Welt, um auszustellen, Theaterkulissen und Gobelins anzufertigen und seine reizenden, spitznasigen Frauen mit den mandelförmigen Augen auf Tassen, Kannen und Schalen zu malen. Erfahren Sie mehr über sein interessantes Leben im Laufe von zehn Jahrzehnten.

 Blomst Gold

 

Autor: Lars Hedebo Olsen

Fotos: Bjørn Wiinblads Fond

 

1918 – 1927

Kindheit

Der junge Künstler in der politischen Familie

Bjørn Wiinblad (1918-2006) wurde als Tausendkünstler bezeichnet, da es ihm immer wieder gelang, sich zu erneuern und neue Orte und Materialien zu finden, die er verzieren konnte. Weil er so fleißig war – und sicherlich auch ein guter Geschäftsmann – entwickelte er sich im Laufe der 1960er und 70er Jahre zu einem der wohlhabendsten dänischen Künstler. So wohlhabend, dass er zeitweise sieben Wohnungen besaß, in Dänemark, Süddeutschland und in der Schweiz, die er auf seinen Reisen auf der Suche nach Arbeitsaufgaben oder auf langen Opern- und Kulturreisen gemeinsam mit Freunden als Basis nutzte.

Das hatte niemand von dem jungen Bjørn Wiinblad erwartet, als er 1945 sein Debüt gab. Und schon gar nicht 1918, als er im Kopenhagener Stadtteil Østerbro in eine Familie hineingeboren wurde, die sich intensiv mit Politik und gesellschaftlichen Verhältnissen beschäftigte.

Bjoern Wiinblad 600X400px

Sein Vater Otto Wiinblad war Sozialdemokrat und Mitglied im Landsting, der ersten Kammer des dänischen Reichstags, und sein Großvater Emil Wiinblad war Redakteur der Zeitung Socialdemokraten und zeitweise ebenfalls Mitglied des Landstings. Bjørn Wiinblads Mutter hieß Ebba – sie war Dreh- und Angelpunkt der Familie und sorgte dafür, dass die gesamte Familie, zu der auch Bjørns

 

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Ebba und Otto Wiinblad © Bjørn Wiinblads Fond

 

 

Schwester Ulla gehörte, jeden Sommer im kleinen Sommerhaus in Hvidovre verbrachte. Ebba Wiinblad nähte und kochte ein, während die Männer über Politik diskutierten – unter anderem mit dem dänischen Staatsminister Thorvald Stauning, der bis zu seinem Tod 1942 häufig zu Gast war. Ein kleiner Mann in der Familie hatte jedoch keine Lust auf politische Diskussionen. Und das war Bjørn Wiinblad. Er wollte lieber zeichnen und malen und begann mit der Zeit, auch kleine Geschichten zu schreiben.

Bjørn Wiinblad war ein Träumer und hatte keinerlei Ambitionen, sich zum Schriftsetzer ausbilden zu lassen oder in die Politik zu gehen.

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Bjørn Wiinblad mit seiner älteren Schwester Ulla © Bjørn Wiinblads Fond

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Wiinblad Arbejder

© Bjørn Wiinblads Fond

1928 – 1937

Frühe Jugend

Die schwierige Lehrzeit

Bjørn Wiinblad wurde weltberühmt für seine fabulierenden Zeichnungen und Verzierungen, die mit romantischen Frauen, Sagengestalten und wunderbaren Mustern gespickt sind. Doch bevor er sich als Künstler austoben konnte, musste er an der Technischen Schule von Frederiksberg eine Lehre zum Schriftsetzer absolvieren.

Er hatte seinem Vater anvertraut, dass er gerne Künstler werden wollte, worauf der Vater zunächst auf eine Ausbildung bestand, die ihm einen festen Monatslohn sichern konnte. Und so begann Wiinblad 1935 eine Lehre zum Schriftsetzer. Obwohl er durchaus den Sinn im Erlernen eines ordentlichen Handwerks erkennen konnte, fühlte er sich im Druckermilieu nicht sonderlich wohl.

Viele Jahre später berichtete er der Wochenzeitschrift Hjemmet von den schwierigen Jahren, die er als Schriftsetzerlehrling erlebte: „Entweder fiel mir der ganze Satz auf den Boden oder ich dichtete in der Schublade oder zeichnete“. Wiinblad kam mit dem rauen Umfeld nicht zurecht und sein Ausbildungsgeselle setzte ihm zu: „Ich schwor den anderen Lehrlingen, dass ich ihn nach der Lehre niemals ‚duzen‘ würde – und dass ich niemals Bier trinken würde“.

Traditionsgemäß siezte man seinen Ausbildungsgesellen und erst mit Abschluss der Lehre konnte man zum du übergehen, was mit einem kühlen Bier begangen wurde.

Diesen Zitaten aus einem Hjemmet-Artikel von 1988 zufolge konnte sich Bjørn Wiinblad nichts Schlimmeres vorstellen. Schließlich kam er um das Duzen und das Bier herum, denn an dem Tag, an dem er seine Lehre beendete, brach der Zweite Weltkrieg aus und jeder hatte andere Gedanken im Kopf.

Für die Eltern war die Ausbildung ihres Sohnes zum Schriftsetzer eine Erleichterung. Als Kind hatte sich Wiinblad meist mit dem Schreiben von Geschichten, dem Zeichnen und Flötespielen beschäftigt. Er machte Ausflüge in den Tierpark nördlich von Kopenhagen, wo er stundenlang sitzen, sich die schönen Tiere anschauen und Tagträumen nachhängen konnte. In der Grundschule hatte er so seine Schwächen gehabt, doch Schwester Ulla stand ihm falls nötig glücklicherweise schützend und helfend zur Seite. Die Schriftsetzerausbildung konnte sie jedoch nicht verhindern. Später profitierte Wiinblad davon, mit großen leeren Flächen arbeiten zu können, die er ausgehend von einer Skizze, die er gezeichnet oder im Kopf hatte, verzieren sollte.

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1938 – 1947

Die Kunstakademie

Ein Künstler entsteht

1940 war Wiinblad frisch ausgebildeter Schriftsetzer – würde er diesen Weg weiterverfolgen, müsste er sich bald einen Job als Buchdrucker oder Handsetzer bei einer Zeitung suchen. Der Gedanke an eine Arbeit mit Kunst – am liebsten als Illustrator – ließ ihn jedoch nicht los. Und so nahm er 1940 ein Studium an der grafischen Schule der Königlichen Kunstakademie auf. Anfangs übernahm Wiinblad den strengen grafischen Stil seines Professors Aksel Jørgensen, suchte aber schon bald darauf einen Ort, an dem er sich gänzlich entfalten konnte. In sein fantasievolles Universum eintauchen. Elfenhafte Wesen, Frauen mit Mandelaugen und schöne Blumen zeichnen.

Die Lösung fand er in der Keramik, die er um 1943 durch seinen Kommilitonen Lars Syberg kennenlernte. Dieser hatte eine Werkstatt in Tåstrup, in der er seine Stücke drehte und brannte, und lud Wiinblad ein, sich in diesem Metier zu versuchen. Und das stellte sich als genau das Richtige heraus. Wenn Wiinblad nicht an der Kunstakademie studierte, vergnügte er sich in Lars Sybergs Werkstatt. Er konnte weder drehen noch formgeben, aber verzieren – das konnte er. Besonders begeisterte ihn die alte Malhorn-Technik, bei der man ein altes Kuhhorn mit Farbe füllt und über ein Gefäß oder eine Schale führt. Das Ergebnis ist ein besonders feiner Strich, der jedoch eine sichere Hand erfordert.

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Schale mit Selbstporträt von 1945. In Malhorn-Technik verziertes Steingut.

1945 schloss Wiinblad sein Studium an der Kunstakademie ab und debütierte bereits im gleichen Jahr mit einer umfassenden Ausstellung in der kleinen Galerie Binger in der Palægade in Kopenhagen. 

Invitation Hos Binger

Neben einer Fülle von Keramikgefäßen und -schalen präsentierte er Zeichnungen, Plakate und Illustrationen für das Buch Aladdin und die Wunderlampe. Die Ausstellung wurde ein großer Erfolg, und schon am ersten Tag verkaufte Wiinblad im Wert von 1.000 dänischen Kronen. Das Wichtigste waren jedoch viele neue Kontakte, die ihn schon bald in die Lage versetzten, noch mehr Keramik und weitere Plakate anzufertigen. Darunter befand sich auch Jacob E. Bang, der gerade zum künstlerischen Leiter der kleinen Fayence-Manufaktur Nymølle ernannt worden war. Mit ihm freundete sich Wiinblad schnell an, und schon bald stellte Jacob E. Bang jungen Wiinblad bei Nymølle ein, was in den Folgejahren in zahlreichen Wandtellern, Schalen, Tassen, Platten, Aschenbechern und Kerzenständern mit Wiinblads Verzierungen resultierte.

Dank Nymølle entwickelte sich Bjørn Wiinblad zum Allgemeingut in Dänemark, denn die Produkte der Manufaktur waren für die meisten Menschen bezahlbar. Es war aber auch Nymølle zu verdanken, dass einige von Wiinblads Kollegen meinten, er wäre etwas zu populär und ginge Kompromisse in seinem künstlerischen Ausdruck ein. Für diese Kritik hatte Wiinblad nicht viel übrig. Dank Nymølle erreichte seine Kunst gewöhnliche Menschen, und das war tatsächlich genau das, was er wollte. Von so vielen wie möglich erlebt zu werden. 

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1948 – 1957

Die Etablierung

Wiinblads Erfolg und der Neid der Kritiker

Bjørn Wiinblads Debüt im Jahre 1945 war so überzeugend, dass seine Karriere schon wenige Jahre später von vielen interessanten Aufgaben geprägt ist, die viele seiner Künstlerkollegen wohl mit Neid erfüllten.

So hatte er nicht nur bei der Fayence-Manufaktur Nymølle jede Menge zu tun, sondern kam auch in Kontakt mit der Vereinigung Håndarbejdets Fremme, für die er Stickerei- und Textilmuster entwarf. Außerdem wurde er als Plakatzeichner für die jährliche Musikspielwoche engagiert. Wiinblad liebte Musik und in Wohnreportagen kann man lesen, dass sein Zuhause vollgestopft mit klassischen Schallplatten war und er manch langen Abend an seinem Klavier verbrachte. Das Zeichnen für die Musikspielwoche war daher eine Wunschaufgabe, denn ihr Zweck bestand darin, mehr Menschen zum Spielen eines Instruments anzuregen. Wiinblads Plakate waren bald so beliebt, dass sie weitere Aufträge nach sich zogen.

Er begann, für die UNO in Paris zu zeichnen, entwarf Kostüme und Bühnenbilder für mehrere Theatervorstellungen und stellte in immer größerem Umfang aus. Zuerst wollte man seine Werke in Dänemark sehen, dann aber auch in Norwegen und Schweden, und 1950 wurde seine Keramik bei Bonniers in New York, einem Spezialgeschäft für skandinavisches Design, präsentiert – Gefäße, Schalen und Platten. Aber auch handbemalte Figuren mit mandelförmigen Augen, die sich hervorragend verkauften. Alleine in Stockholm verkaufte Wiinblad 1950 bei einer Ausstellung mehr als 2.000 Gefäße, Platten und Schalen – teilweise aus Fayence von Nymølle, teilweise selbstgefertigte Keramik.

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1951 gründete Bjørn Wiinblad in Hjortekær nördlich von Kopenhagen seine eigene Werkstatt. Er wollte kein protziges Zuhause, sondern einen Ort, an dem er wohnen und arbeiten konnte, mit genügend Platz, um auch Kollegen unterzubringen, wenn sie gemeinsam an größeren Projekten arbeiteten.  Von hier aus erreichten seine Produkte die ganze Welt. Manche waren so gelungen, dass er 1955 beim ersten internationalen Keramikfestival im französischen Cannes mit einer Silbermedaille ausgezeichnet wurde.

Die Welt hatte Bjørn Wiinblad Mitte der 1950er Jahre entdeckt, und bald wurde er von Philip Rosenthal kontaktiert, dem Besitzer einer alteingesessenen Porzellanmanufaktur in Süddeutschland. Er wollte Wiinblad zur Marke machen. 

 Auch in Dänemark hatte man Wiinblad entdeckt, der mit seinen Wandtellern, die er haufenweise für Nymølle kreierte, den Durchbruch geschafft hatte. Die Kritiker bei den dänischen Zeitungen waren jedoch nicht so begeistert wie Philip Rosenthal oder die dänischen Künstler. Sie vermissten Abwechslung in Wiinblads Ausdruck. Schrieben, dass sie erstickt würden von seinen niedlichen Damen mit den schrägen Augen und den vielen Kritzeleien. Dass das Ganze zu niedlich und unschuldig sei.

Wiinblad hörte die Kritik, machte sich aber nichts daraus. Dazu war er viel zu beschäftigt.

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1958 – 1967

Der Weltkünstler

Wiinblad erobert die ganze Welt

1960 wurde Bjørn Wiinblad zum künstlerischen Leiter bei Rosenthal in Süddeutschland ernannt. Dies geschah nur wenige Jahre, nachdem er dem Werksdirektor Philip Rosenthal und dessen Frau Lavinia, mit denen ihn seitdem eine lebenslange Freundschaft verband, begegnet war. Mit der Anstellung bei Rosenthal begann auch eine internationale Karriere, was für einen dänischen Künstler recht ungewöhnlich war. Wiinblad erhielt nicht nur die Verantwortung für die künstlerische Linie bei Rosenthal, sondern musste sich auch in der Nähe der Familie Rosenthal niederlassen, und im Laufe weniger Jahre hatte er sowohl im süddeutschen Selb als auch in Genf in der Schweiz eine Wohnung.

Ungewöhnlich war jedoch nicht nur sein internationales Engagement. Wiinblad verdiente nun auch viel Geld – so viel, dass er angeblich pro Vierteljahr etwa 10 Millionen dänische Kronen Lizenzgebühren von Rosenthal erhielt. Das bedeutete, dass er üppige Essensgesellschaften ausrichten, seine Freunde zu langen Opernreisen einladen und all die Antiquitäten, Schallplatten und Bücher kaufen konnte, für die er sich begeisterte. Und wenn Wiinblad einkaufte, kaufte er groß ein, denn er schaffte sich Bücher und Schallplatten immer in mehreren Exemplaren an, um all seine Wohnungen mit den gleichen Dingen ausstatten zu können. Anzüge ließ er siebenfach anfertigen, so dass in jeder Wohnung der gleiche Anzug hing.

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Wiinblad und Philip Rosenthal © Bjørn Wiinblads Fond

Wiinblads künstlerischer und finanzieller Erfolg kam aber nicht von ungefähr. Er schuftete ordentlich in seiner Werkstatt in Hjortekær und bei Rosenthal in Süddeutschland. Er lieferte Entwürfe an Nymølle, die u. a. in seinen berühmten 12 Wandtellern resultierten, die den Jahresverlauf eines frisch verliebten Paares begleiten.Er schmückte den Gasthof Rørvig Færgekro mit den schönsten Keramikkacheln aus, die heute noch immer in den schönen alten Räumlichkeiten zu sehen sind. Er erfüllte Aufträge für Hilton in London, erhielt internationale Designpreise und reiste umher, um Bühnenbilder für große Theatervorstellungen zu gestalten – unter anderem für das Königliche Theater und den Tivoli Konzertsaal in Kopenhagen. Kurz gesagt, Wiinblad war omnipräsent. Auch im Einrichtungshaus Illums Bolighus in der Kopenhagener Fußgängerzone, das 1961 nach einem größeren Umbau wiedereröffnet wurde. 

 Zu diesem Anlass lud Illums Bjørn Wiinblad dazu ein, auf allen Etagen Keramik, Glas, Porzellan, Pappmaché-Figuren, Skulpturen und Möbel auszustellen. Die Ausstellung wurde am 10. Oktober 1961 eröffnet, und im Laufe der ersten eineinhalb Stunden strömten 8.000 Menschen herbei, um Wiinblads Kunst zu erleben. Auch privat gab es Neuigkeiten in Wiinblads Leben. 1966 bezog Wiinblad ein altes blaues Holzhaus in Lyngby. Hier richtete er eine Werkstatt und eine riesige Wohnung ein, die sich in den Folgejahren in eine orientalische Höhle verwandelte, die bis zum Bersten gefüllt wurde mit antiker Kunst, niederländischer Keramik, Büchern, Schallplatten – und insbesondere Gästen.

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1968 – 1977

Vom musikalischen Essgeschirr

Vom musikalischen Essgeschirr zu farbenfrohen Gobelins

Eines der kompliziertesten Service, die Rosenthal je geschaffen hat, heißt Zauberflöte. Es wurde nach Mozarts Oper 1969 von Bjørn Wiinblad entworfen und bereitete den Werkstechnikern so große Schwierigkeiten, dass es erst nach mehreren Jahren fertig wurde. Auf den Rändern der Teller, Terrinen- und Kannendeckel kreierte Wiinblad Szenen aus Mozarts Oper, und auf die Rückseite jedes einzelnen Stücks schrieb er den Text der jeweiligen Szene mit seinen großen Kritzelbuchstaben.

Wiinblad konnte gar nicht genug von klassischer Musik bekommen, und mit dem Service Zauberflöte gelang es ihm, seine Begeisterung für die Musik mit feinem Porzellan zu kombinieren, das sogar in einer goldbeschichteten Ausführung erhältlich war. Das Service war teuer und exklusiv, eröffnete Wiinblad aber auch neue Möglichkeiten. Unter anderem im Iran, wo 1971 ein riesiges Fest anlässlich des 2.500-jährigen Jubiläums der Gründung des persischen Reiches stattfinden sollte. Farah Diba, die Frau des Schahs, hatte Wiinblads Zauberflöte-Service gesehen und bat ihn, ein Geschirr für die Feierlichkeiten zu designen, die zu einem der üppigsten und aufwändigsten Feste des 20. Jahrhunderts wurden. Gäste aus aller Welt wurden in den Iran geflogen, es gab 50 Tonnen Kaviar und die Kosten für das Ganze beliefen sich vermutlich auf 300 Mio. dänische Kronen.Und mittendrin stand Wiinblads Geschirr, von dem die vornehmsten Gäste essen durften – darunter auch der dänische König Frederik IX. und seine Frau Königin Ingrid.

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Eines der kompliziertesten Service, die Rosenthal je geschaffen hat, heißt Zauberflöte. Es wurde nach Mozarts Oper 1969 von Bjørn Wiinblad entworfen und bereitete den Werkstechnikern so große Schwierigkeiten, dass es erst nach mehreren Jahren fertig wurde. Auf den Rändern der Teller, Terrinen- und Kannendeckel kreierte Wiinblad Szenen aus Mozarts Oper, und auf die Rückseite jedes einzelnen Stücks schrieb er den Text der jeweiligen Szene mit seinen großen Kritzelbuchstaben.

Wiinblad konnte gar nicht genug von klassischer Musik bekommen, und mit dem Service Zauberflöte gelang es ihm, seine Begeisterung für die Musik mit feinem Porzellan zu kombinieren, das sogar in einer goldbeschichteten Ausführung erhältlich war. Das Service war teuer und exklusiv, eröffnete Wiinblad aber auch neue Möglichkeiten. Unter anderem im Iran, wo 1971 ein riesiges Fest anlässlich des 2.500-jährigen Jubiläums der Gründung des persischen Reiches stattfinden sollte. Farah Diba, die Frau des Schahs, hatte Wiinblads Zauberflöte-Service gesehen und bat ihn, ein Geschirr für die Feierlichkeiten zu designen, die zu einem der üppigsten und aufwändigsten Feste des 20. Jahrhunderts wurden. Gäste aus aller Welt wurden in den Iran geflogen, es gab 50 Tonnen Kaviar und die Kosten für das Ganze beliefen sich vermutlich auf 300 Mio. dänische Kronen.Und mittendrin stand Wiinblads Geschirr, von dem die vornehmsten Gäste essen durften – darunter auch der dänische König Frederik IX. und seine Frau Königin Ingrid.

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Wiinblad Og Selskaberne

1978 – 1987

Der Gesellschaftslöwe Wiinblad

Gastfreundschaft ohne Grenzen

Ende der 1970er Jahre hielt sich Wiinblad so viel im Ausland auf, dass er den Status eines Auslandsdänen erhielt. Er besaß mehrere Wohnungen in Südeuropa und reiste häufig in die USA, wo er sich einer Fülle von Aufgaben widmete.  Aber wenn er einmal nach Dänemark kam, sollte dies gründlich gefeiert werden. Dann lud er rechtzeitig acht, zehn – höchstens 12 – Personen in Das Blaue Haus in Lyngby ein, wo die Essensgesellschaften stets nach einem bestimmten Muster abliefen. Zu den Gästen gehörten dänische und ausländische Schriftsteller, Schauspieler, Balletttänzer und Künstler, Diplomaten, Politiker und enge Freunde. Die amerikanische Autorin Erica Jong, der amerikanisch-österreichische Bodybuilder Arnold Schwarzenegger und die amerikanische Entertainerin Liza Minelli ebenso wie bekannte Dänen wie Susse Wold, Preben Kaas, Lisbet Dahl und eine Vielzahl anderer, die Wiinblad einlud, weil er der Meinung war, eine Begegnung könnte interessant sein.

Im feinen Esszimmer im Blauen Haus wurde der Tisch mit Wiinblads eigenem Service, handgemalten Tischkarten und Kerzen gedeckt. Die Gäste bekamen in der Regel eine ausgehöhlte und mit Suppe mit einem großen Löffel Kaviar gefüllte Ofenkartoffel serviert. Danach etwas Fleisch und zum Abschluss ein süßes Dessert. Nach dem Essen führte Wiinblad seine Gäste nach oben in sein höhlenartiges Wohnzimmer, wo er ihnen klassische Musik, Drinks und gute Geschichten bot. Wenn es auf Mitternacht zuging, sollten sich die Gäste verabschieden, weil sich Wiinblad nun wieder der Arbeit zuwenden musste. 

 

Wiinblads Gastfreundschaft kannte keine Grenzen. Neben seinen berühmten Gesellschaften ließ er Freunde und Bekannte in all seinen Wohnungen übernachten, wenn er diese selbst nicht gerade nutzte. 

 Er überschüttete seine vielen Patenkinder mit schönen Geschenken, und wenn er jemanden kannte, der sich in finanziellen Schwierigkeiten befand, half er, so gut er konnte.

Wiinblad hatte keine eigene Familie, da er nie heiratete. Seine Patenkinder und die vielen Freunde waren jedoch wie eine Familie für ihn, und er hätte nahezu alles getan, um ihnen zu helfen. Wiinblad war seinen Freunden ein echter Freund.

Er war aber auch ein Arbeitstier, das nachts nur wenige Stunden schlief, mit seinen schicken Autos durch Europa fuhr und sich einer Fülle von Aufgaben gleichzeitig widmete.  Lampen, Puzzles, Bettwäsche, Textilien, Plakate, Briefmarken, Weihnachtsmarken, Kupferskulpturen und umfangreiche Einrichtungsaufträge für internationale Hotels und luxuriöse Kreuzfahrtschiffe.

Wiinblad war ein viel beschäftigter Mann, doch blieb ihm 1984 noch die Zeit für eine Reise in die USA, wo er von der Dänisch-Amerikanischen Gesellschaft zum Mann des Jahres ernannt wurde.

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1988 – 1997

Hotel d’Angleterre

Als Wiinblad das Hotel d’Angleterre eroberte

Ende der 1980er Jahre wurden die Angebote langsam weniger. Das bedeutete jedoch nicht, dass Bjørn Wiinblad sich langweilte, denn aus seiner Sicht gab es immer noch jede Menge Dinge, mit denen er sich beschäftigen konnte. 1988 schuf er eines seiner gelungensten Plakate, das international berühmt wurde. Anlässlich der Paralympischen Spiele 1988 in Seoul gestaltete Wiinblad die olympischen Ringe als Räder eines Rollstuhls. Als älterer Herr begann Wiinblad, immer mehr Plakate zu kreieren, die er für wohltätige Vereine und Interessensverbände häufig kostenlos lieferte.  Dazu gehörten Lu-biscuits, die UNO und der dänische Landesverband zur Bekämpfung von Augenkrankheiten. Dass er sowohl international für die UNO als auch national für eine dänische Patientenorganisation arbeitete, illustriert die Bandbreite seines Engagements. Es blieb aber auch Zeit für die Schaffung des Bühnenvorhangs für das neue Marquis Theatre in New York, die Einrichtung des Mozart-Restaurants Amadeus in Dallas und das neue Essgeschirr Asimetria bei Rosenthal.

Wiinblad Og Hotel D’Angleterre

Das exklusivste Hotel Dänemarks, das d’Angleterre in Kopenhagen, beschloss Anfang der 1990er Jahre, Wiinblad mit der Neueinrichtung des Restaurants zum Platz Kongens Nytorv zu beauftragen. Das bedeutete jede Menge Kacheltische, Porzellanfiguren, riesige Kronleuchter und Wandausschmückungen mit Wiinblads bekannten Motiven – den kleinen spitznasigen Frauen mit den mandelförmigen Augen, Blumen und Kritzeleien, die alle in einem Universum aus Blau- und Weißtönen gehalten waren. Das Restaurant öffnete 1994 und entwickelte sich schnell zum Stadtgespräch. Jeder wollte es sich anschauen und Wiinblad platze beinahe vor Stolz.

Das tat er sicherlich auch, als die Ausstellungsstätte Sophienholm in Lyngby Ende 1998 all ihre Säle Wiinblads Werken widmete. Anlass war sein 80. Geburtstag und Wiinblad selbst war vollauf damit beschäftigt, die Ausstellung auf die Beine zu stellen. Die Ausstellung, die seine Entwicklung von den frühen Zeichnungen über Illustrationen und Plakate bis hin zu Multikunst sowie gemalten, keramischen und szenografischen Arbeiten zeigte, war die letzte große Schau von Wiinblads Werken zu seinen Lebzeiten.

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1998 – 2007

Das letzte Fest

Die letzten Jahre

Obwohl Bjørn Wiinblad alt wurde, nahm er noch immer Aufträge an. Im Jahr 2000 entwarf er das erste Weihnachtsplakat des Tivoli, und wenn er nicht gerade bis weit in die Nacht in seiner Werkstatt arbeitete, lud er Gäste zum Essen ein und unternahm Opernreisen.

1998 beschloss er, von seinen diversen Wohnungen nur noch zwei zu behalten. Eine in Lausanne in der Schweiz und Das Blaue Haus in Lyngby.

Wiinblad hatte eine besondere Gabe, die Dinge positiv zu sehen, und alten Freunden zufolge hatte er keine Lust, über Krankheit und Tod zu sprechen. Tatsächlich zog er sich von seinen Freunden zurück, wenn diese ernsthaft erkrankten, da er aus irgendeinem Grund damit nicht umgehen konnte. Und als es ihm selbst gesundheitlich schlechter zu gehen begann, zog er sich ebenfalls langsam von seinen engsten Freunden zurück. Wenn er sich besonders schlecht fühlte, wollte er sie nicht sehen, doch weil er vielen ein so guter Freund gewesen war, ließen sie ihn nicht allein.

Dazu gehörte auch Lavinia Rosenthal, die Wiinblad seit Ende der 1950er Jahre gekannt hatte. Fast 50 Jahre lang waren sie gemeinsam gereist und hatten zusammengearbeitet, und kurz vor Wiinblads Tod 2006 beschloss sie, ihn ein letztes Mal zu besuchen. „Ich habe nie einen besseren Freund gehabt als ihn“, sagte sie und schaffte es glücklicherweise, sich von ihm zu verabschieden, bevor er am 8. Juni 2006 starb.

Wiinblad liebte Feste und Freude. Und so fand auch seine Beerdigung in diesem Sinne statt mit viel Champagner, Kanapees und Musik für die Hunderte von Menschen, die daran teilnahmen. Das letzte Fest hatte einen traurigen Anlass, doch wenn Wiinblad gewusst hätte, dass so viele Menschen kamen, um sein gutes und langes Leben zu feiern, hätte er sich zweifelsohne gefreut.

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2008-2018

Die Zeit nach Bjørn Wiinblad

Das Designerbe

Mit Bjørn Wiinblad verlor Dänemark einen seiner größten und fleißigsten Künstler. Doch glücklicherweise hinterließ Wiinblad ein enormes Erbe an Zeichnungen, Plakaten, Theaterprojekten, Keramik, Porzellan, Bronzearbeiten und Büchern. Geschweige denn das Blaue Haus in Lyngby, das von innen bis außen von Wiinblads energischer und humoristischer Lebensauffassung geprägt ist.

Seit mehreren Jahren ist das Haus für die Öffentlichkeit zugänglich, und mit etwas Glück kann man von Wiinblads altem Privatchauffeur und gutem Helfer René Schultz, der seit den 1970er Jahren in einem Nebengebäude wohnt, hindurchgeführt werden. Zusammen mit seiner Frau Eva bewahrt René Schultz all die Geschichten über Bjørn Wiinblad auf und sorgt dafür, dass das alte Haus instand gehalten wird. Dass es gestrichen wird, Löcher im Dach geflickt und zerschlissene Teppiche ausgewechselt werden.

Ein Besuch in Wiinblads Haus in Lyngby ist wie das Betreten von Aladdins Höhle. Hier gibt es keinen dänischen Minimalismus, sondern eine Fülle antiker Möbel, gepolsterte Sofas, Berge von Büchern und wunderbare Kunst. Man spürt, dass hier ein Mann gelebt hat, der das Leben liebte und sein Zuhause gerne mit Freunden und Familie teilte. Man fühlt sich willkommen im Blauen Haus und kommt nicht umhin, die vielen Menschen zu beneiden, die Winnblad bei seinen vornehmen Gesellschaften als fröhlichen Gastgeber erleben durften.

Dank der Rosendahl Design Group ist Wiinblads Designuniversum wieder zum Leben erwacht. Unter dem Namen Bjørn Wiinblad Denmark hat Rosendahl die Rechte für Bjørn Wiinblads Produkte erworben, und im Laufe der letzten Jahre sind zahlreiche Schalen, Tassen, Kerzenständer und Tabletts mit Wiinblads fantastischen Figuren erschienen.

Als Wiinblad 2006 starb, war das Interesse an seinen Werken auf einem Tiefpunkt, doch heute scheinen wir sein Universum wiederentdeckt zu haben. Als das Kunstmuseum Arken im Jahr 2015 eine Ausstellung mit seiner Keramik, Theaterkostümen, Plakaten und großen Gobelins zeigte, strömten Tausende Menschen nach Ishøj. Denn nach einer Zeit, in der alles mit Wiinblads vielen Kreationen vollgestopft zu sein schien, erkennen wir allmählich wieder, dass einige seiner Keramikwerke einfach fantastisch sind.

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Seine Fayencen mit den feinen Aufdrucken, die lächelnden Frauen, die Plakate, auf denen man immer wieder etwas Neues entdeckt, und nicht zuletzt seine Kerzenständer, Gläser und Schalen. Alles ist durchdrungen von Lebensfreude und Energie, was für dänische – und internationale – Kunst und Formgebung einmalig ist.

Aus diesem Grund feiern wir Bjørn Wiinblad im Jahr 2018 – 100 Jahre nach seiner Geburt.

Bjørn Wiinblad

Die Geschichte des weltberühmten dänischen Künstlers und Illustrators Bjørn Wiinblad ist die Geschichte eines schaffensfrohen Multikünstlers, der sich die Welt zu Füßen legte.

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